Bürokratische Hürden für Hochschulwechsel

Dass die europaweite Vereinheitlichung der Studiengänge die Flexibilität und Mobilität unter Studierenden erhöhe, ist, bis zur Monotonie des gebetsmühlenartig wiederholten Gemeinplatzes, ein immer wieder artikuliertes Wunschziel der Hochschulpolitik. Die Realität im Alltag der Studierenden sieht allerdings bereits auf nationaler Ebene bisweilen ganz anders aus. Bachelor-Studenten, die innerhalb Deutschlands die Hochschule wechseln wollen, sehen sich oft vor unerwartete und schwer zu überwindende administrative Barrieren gestellt.

Der studentischen Bereitschaft, die immer wieder als zeitgemäß geforderten Eigenschaften von Flexibilität und Mobilität praktisch umzusetzen, werden beim Hochschulwechsel oft  hohe Hürden oder gar eine schwerfällige Administration der Vereitelung entgegengestellt. Praktische Hilfe leisten selbstorganisierte studentische Systeme der Vernetzung.

Was Carolin Rang widerfahren ist, ist mitnichten ein Einzelfall: An der Universität Bonn konnte die BWL-Studentin ihre weit überdurchschnittlichen Noten und Leistungsnachweise mit den entsprechenden Credit Points verbuchen. Doch weder diese Leistungen noch die zeitlichen Studiennachweise, sprich absolvierten Semester, wurden ihr an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin vollständig anerkannt.

Über die unterschiedlichen Motivationen von Studierenden, den Hochschulort zu wechseln, kann man Aufschlussreiches in den Diskussions- und Austauschforen im Internet nachlesen. Die traditionellen Grenzsteine und Zäsuren des Studiums, Vordiplom und Zwischenprüfungen, sind weggefallen. An ihre Stelle ist ein kompliziertes und jeweils hochspezialisiertes System der Übertragbarkeit von Leistungen und sehr unterschiedlichen Modalitäten ihrer Anerkennung oder Nichtanerkennung getreten, das für den Einzelnen oft kaum nachvollziehbar ist.

Bologna-Reformen gescheitert?

Dass damit gerade das Gegenteil der durch die Bologna-Reformen intendierten Standardisierung und Vereinheitlichung erreicht worden sei, sieht nicht allein Jens Böcker, Inhaber eines betriebswirtschaftlichen Lehrstuhls an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, so: Auch Deniz Örtülü von der Studienberatung der Goethe-Universität Frankfurt bestätigt, dass die Vergleichbarkeit der an verschiedenen Hochschulen erworbenen Studienleistungen sowie deren Kompatibilität mit den jeweils sehr unterschiedlichen Prüfungsordnungen anderer Universitäten erschwert worden ist. Das führt zu einem hohen administrativen Aufwand und damit auch zu teilweise erheblichen zeitlichen Verzögerungen beim Procedere von Prüfungsverfahren. Dass dies die vielbeschworene studentische Mobilität – nicht die generelle Bereitschaft zu ihr – erheblich schmälert, vermag nicht zu verwundern: Den statistischen Rückgang der Mobilitätsbereitschaft unter Studierenden dokumentieren Zahlen des Hochschul-Informations-Systems (HIS) aus dem Jahr 2008.

Manchmal scheint es, als ob ein an einer deutschen Hochschule erworbener qualifizierender Abschluss an einer anderen Hochschule, die den Studiengang mit dem gleichen Abschluss anbietet, nicht anerkannt würde.

Uniwechsel vor allem für Bachelor-Studenten erschwert

Manfred Bähr, Projektleiter der Tauschbörse Studienplatztausch, kennt aus seinem Alltag sich wiederholende Geschichten von Studierenden, die die Hochschule wechseln wollen und sich vor bürokratische Hürden der Anerkennung einzelner Studienleistungen gestellt finden. In den Bereichen Human-, Zahn- und Tiermedizin sowie Jura, so Bähr, müsse zwar von einer unverändert guten Kooperation der Universitäten gesprochen werden – um einiges schwerer gestalte sich ein Wechsel allerdings in den neuen Bachelor-Studiengängen. Hier sei oft von der Notwendigkeit eines zähen Ringens Studierender um die Anerkennung ihrer Leistung, bis hin zur Situation der Berufung eines Rechtsbeistands, zu berichten.

Monika Schröder, Referentin der Hochschulrektorenkonferenz, räumt ein, dass im Zuge der Bologna-Reform der Schwerpunkt der Zielsetzung auf einer europaweiten Vergleichbarkeit der Leistungen gelegen habe, geht aber davon aus, dass daraus ebenfalls resultierende Vorteile hinsichtlich der inländischen Mobilität sich mit der Zeit einstellen werden. Man möchte es gern glauben, zumal angesichts der sich weiter erhöhenden bürokratischen Hürden in vielen Master-Studiengängen, in denen die studentische Mobilität allzu oft nicht freiwillig, sondern infolge starrer administrativer Gegebenheiten erzwungen statthat.

(Nach: FAZ vom 14./15. Januar 2012; Julia Wittenhagen)

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