Das kreative Reich unbegrenzter Möglichkeiten kollidiert stets mit der Realität. Das gilt nicht nur in einem allgemein existenzphilosophischen Sinn, sondern auch ganz praktisch und konkret für die biographische Zeit des Studiums und die sich in dieser Phase ergebenden Zwiespälte und Spannungen des individuellen Lebensentwurfs.
Was Felix Bauer, der an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg Design studierte, von sich zu berichten hat, ist kein Einzelfall: Sein Studium hat er effektiv, ziel- und ergebnisorientiert gestaltet – mit Erfolg. Doch das Thema Kreativität verbindet sich für ihn im erinnernden Rückblick eher mit einer teamorientierten künstlerischen Tätigkeit, die außerhalb der fachspezifischen Studienordnungsvorgaben und -anforderungen stattfand – einem gemeinsam mit einer Kommilitonin durchgeführten Trickfilmprojekt und einem Plakatwettbewerb, bei dem Felix mit einem Preis des Deutschen Studentenwerks ausgezeichnet wurde.
Das Studium ist, nicht zuletzt in guter humanistischer Tradition, die biographische Zeitspanne freier Selbstausbildung, des Experimentierens mit Möglichkeiten und Fähigkeiten zur kreativen Gestaltung der eigenen Persönlichkeit. Solche Freiheit wird heutzutage rigoros beschnitten durch hohen zeitlichen Druck, den Zwang des schnellen einzelnen Leistungserwerbs und gesamten Studienabschlusses, als vermeintliche oder tatsächliche Voraussetzung der Konkurrenz- und Karrierefähigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Die Ergebnisse einschlägiger Umfragen und Statistiken weisen auf eine deutliche Diskrepanz hin:
Die Möglichkeit zur experimentellen Selbsterprobung wird von Studierenden als hoher persönlicher Lebenswert des Studiums angesehen, kollidiert aber mit materiellen Leistungszwängen. Amerikanische und deutsche Entwicklungspsychologen betonen die Wichtigkeit der kreativ-gestalterischen Studienzeit, einer Lebensphase des Übergangs zwischen Jugend und noch nicht gefestigter, spielerisch zu erprobender Erwachsenenrolle.
Bei allen strengen Leistungsanforderungen des Studiums ist es nicht so, dass das studentische Leben keine Gelegenheiten zu Ablenkung und kreativer Bummelei böte. Tatsächlich gibt es an den meisten Hochschulstandorten ein reges Angebot an außeruniversitären Tätigkeiten, und es herrscht ein kommunikatives Sozialleben – zu den Themenfeldern Politik, Karriere, Sport etc.
Wichtig sei, so bringt es Stephan A. Jansen, Gründer und Präsident der privaten Zeppelin University, auf den Punkt, dass der Einzelne auch außerhalb der Notwendigkeit des Schein- und Leistungserwerbs die Möglichkeit sehe und ergreife, seine kreativen Möglichkeiten gewissermaßen unmittelbar zweckfrei zu erproben und auszuleben. Man kann Jansen hierin nur zustimmen und dem Gesagten anfügen, dass auch der für die persönliche Ausbildungsbiographie immer wichtiger werdende Faktor eines Studien-Auslandsaufenthalts stärker unter dem Aspekt einer freien Erprobung des individuellen geistigen Horizonts betrachtet und gewertet werden sollte.
(Quelle: FAZ)
