Im Oktober ist es wieder so weit. Das neue Semester beginnt – und für eine knappe halbe Million wird es das erste Semester sein. Noch nie gab es so viele Studienanfänger. Gründe sind die auf zwölf Jahre verkürzte Gymnasialzeit mit einem Doppeljahrgang von Abiturienten und die Aussetzung der Wehrpflicht, die die studierwilligen jungen Männer statt in die Kaserne in die Uni treibt.
Trotz aller Probleme, die dieser Massenansturm mit sich bringt – überfüllte Hörsäle und Seminarräume, die ja schon lange Alltagsrealität sind –, sollte es auch Grund zur Freude sein in einem Land, dessen einziger Rohstoff bekanntlich die Bildung ist. Doch bei allen kritikwürdigen Verhältnissen an deutschen Unis ist doch zu betonen:
„[K]aum ein Land hat eine so vielfältige, auch regional und sozial diversifizierte Hochschullandschaft wie die Bundesrepublik. Dabei sind fast alle Hochschulen öffentlich. Privatunis sind die Ausnahme.“ (FAS vom 25.09.2011).
Viele Erstsemester werden sich die unvermeidlichen Sätze ihrer Vorfahren anhören müssen, früher sei das Studentenleben viel besser gewesen: Die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge habe eine totale Verschulung mit sich gebracht, früher seien die Studenten politischer, gesellschaftskritischer und radikaler, das Studium intellektuell freier und anspruchsvoller und die Partys wilder und ausschweifender gewesen.
Da haltet Euch – ein Rat des Verfassers dieser Zeilen, eines alten 80er-Jahre-Studenten – getrost die Ohren zu! Aber sperrt sie weit auf, wenn Euch derselbe Alte sagt: Genießt das Studium, auch wenn es noch so verschult sein mag (Ihr braucht nämlich für Euren Kater am nächsten Morgen keine Entschuldigung Eurer Eltern mehr). Genießt die intellektuelle Freiheit, zu der Nächte in der Kneipe genauso gehören wie solche in der Bibliothek.
Ob das Studium ein Abenteuer oder eine einzige trostlose Aneinanderreihung von Lehrveranstaltungen und Klausuren wird, habt Ihr selbst in der Hand. Natürlich gehören Letztere auch zum Studium – aber eben auch das freie Forschen, die wissenschaftliche Neugierde, das Betreten unbekannterer theoretischer Pfade, also eine intellektuelle Anstrengung, die beglückend und befreiend sein kann.
Bei allen möglichen – ökonomischen wie geistigen – Zwängen, die es heute wie früher geben mag, die Freiheit der Wissenschaft gibt es noch. Also begreift das Studium nicht nur als nutzenorientierte Vorbereitung auf den Beruf, sondern auch als eine Lebensform der Freiheit, die Euch das spätere Berufsleben so nur schwerlich wird bieten können. Genießt das Abenteuer Studieren!
