Es ging bei den im zeitgeschichtlichen Horizont einer globalisierten Weltwirtschaft durchgeführten europaweiten Studienreformen, der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge, nicht zuletzt darum, den Studierenden verstärkte Anreize für im Ausland zu verbringende Studiensemester zu bieten. Die gegenwärtige Realität hinkt dem Projekt hinterher: Die Bereitschaft zum Auslandsstudium hat sich unter deutschen Studierenden nicht signifikant erhöht.
Als wesentlicher Hemmschuh müssen das Damoklesschwert der Regelstudienzeit, die generelle Tendenz zu Lebenswegverkürzungen, die Angst, nach dem Abschluss ‚schon zu alt‘ – wofür auch immer – zu sein, genannt werden. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der, von der Bundesregierung finanziert, in Fragen der Organisation und Öffentlichkeitsarbeit für Belange, die Studienaufenthalte im Ausland betreffen, engagiert ist, beklagt, dass nach wie vor nur etwa ein Drittel aller Studenten sich zu einem oder mehreren Auslandssemestern entschließe. Vom seitens des DAAD ausgerufenen Zielwert von 50 % ist man also noch deutlich entfernt.
Auffallend, so die Generalsekretärin des DAAD Rüland, sei in Sachen studentischer Bereitschaft zur Auslandsmobilität das Vorherrschen pragmatisch-rationaler Erwägungen, welche die Stringenz und Kompaktheit des akademischen und außeruniversitären Lebenslaufs beträfen. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich akademische Doppelabschlüsse, deren Erwerb institutionalisierte und gut organisierte Partnerschaften zwischen Hochschulen unterschiedlicher Länder zur Voraussetzung hätten. Sie garantierten den Studierenden die Anerkennung im jeweils anderen Land erbrachter Studienleistungen – was ansonsten also häufig ein bürokratisch-administratives Problem zu sein scheint. Sehr attraktiv seien Studiengänge, die bereits qua Studienordnung einen Auslandsaufenthalt vorsähen (zurzeit 10 % der BA- und 14 % der MA-Studiengänge).
Ein wesentlicher Erwägungsfaktor und allzu oft eine abschreckende Hürde aus studentischer Sicht, so Rüland, sei der finanzielle Mehraufwand, den Auslandssemester mit sich brächten. Die ziel- und erfolgsorientierten jungen Akademiker gingen heutzutage nicht ‚einfach mal ins Ausland‘, um geistig-kulturelle Fernluft zu schnuppern. Auffallend sei auch die Tendenz zur zeitökonomischen Verkürzung des Auslandsstudiums von zwei Auslandssemestern auf eines. Dies betreffe vor allem das europäische Hochschul-Austauschprogramm Erasmus, berichtet Beate Körner vom DAAD. Als besonders dringliches und kritisches Anliegen der Studierenden, die das Für und Wider eines Auslandsaufenthalts abwägen, taucht allerdings immer wieder das problematische Thema der Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen auf.
Und wie äußern sich spätere potentielle Arbeitgeber zum Thema Auslandsaufenthalt im studentischen Curriculum vitae? Grundsätzlich gern gesehen als Zeichen von Bereitschaft, den persönlichen Horizont zu erweitern, sei ein akademischer Auslandsaufenthalt sehr wohl, erklärt Andreas Eimer vom Career Center der Universität Münster, doch dürfe man ihn nicht als Zentralkriterium für berufliche Chancen überbewerten. Hier seien in erster Linie individuelle Eignungen eines Bewerbers für das angestrebte Berufsumfeld ausschlaggebend. Ähnlich äußern sich die drei Personalchefinnen Ina Bourmer (Telekom), Bärbel Ostertag (SAP) und Simone Zilgen (Metro) im Anschluss an eine DAAD-Tagung. Auch ein eventuell ‚höheres‘ Alter – viele Studierende fürchten ausbildungsbiographische Verzögerungsmomente durch Auslandsaufenthalte – sei bei Bewerbungen nicht per se von Nachteil, vielmehr längere Erfahrung häufig gefragt.
Andreas Eimer vom Career Center der Uni Münster weist auf einen möglicherweise sehr konfliktgeladenen Aspekt in unserer leistungs- und geschwindigkeitsbezogenen Ausbildungskultur hin: Gerade die vorherrschende ergebnis- und karriereorientierte Planung des individuellen Lebenslaufs könnte die Bereitschaft verringern, einfach, unvoreingenommenen und ohne spezifisches Kalkül die Erfahrung des Fremden, also auch eines Auslandsaufenthalts, auf sich zukommen zu lassen.
(Quelle: F.A.Z. vom 22./23.10. 2011)
