Über den Wert geistiger Statussymbole

In der Öffentlichkeit herrschen Aufregung und berechtigte Empörung über die sich häufenden, das heißt zunehmend bekannt gewordenen Fälle von erkauften und erschlichenen Doktortiteln. Es ist von rund 100 Professoren, 12 betroffenen Hochschulen und Bestechungsgeldern – euphemistisch auch „Vermittlungsgelder“ genannt – in vier- bis fünfstelliger Höhe für den jeweiligen Einzelfall die Rede.

An der „Vermittlung“ für Beträge von bis zu 20.000 Euro sollen das „Institut für Wirtschaftsberatung“ in Bergisch-Gladbach und der Verfasser eines Duden-Standardleitfadens zur Verfassung wissenschaftlicher Arbeiten beteiligt gewesen sein. Der Münchner Betriebswirtschaftler Manuel Theisen schätzt, dass in Deutschland drei Prozent aller jährlichen Doktortitel unrechtmäßig erworben würden. (Vermutlich existiert seit langem ein Grauzonen-Markt, auf dem Dissertationen in Auftrag gegeben oder fix und fertig gekauft werden können.)

Das beträfe jährlich etwa 700 Einzelfälle und würde weitaus mehr als hundert Professoren dem Bestechungsverdacht aussetzen – denn an jedem Promotionsverfahren sind mindestens zwei Gutachter, darüber hinaus oft ein mehrköpfiges Gremium zur Durchführung des mündlichen Rigorosums oder einer Disputatio (Verteidigung der Dissertation) beteiligt.

Starker Anstieg der Doktortitel in Deutschland

Dass die Tempel der Wissenschaft, das hehre und gewichtige Reich menschlicher Geistestätigkeit keineswegs von dem bedrückenden gesamtgesellschaftlichen Problem der Korruption ausgenommen sind, sollte als Anlass dienen, einen kritischen Blick auf den symbolischen und realen Wert akademischer Titel und Grade zu werfen. Innerhalb der letzten dreißig Jahre hat sich die Zahl der jährlich in Deutschland verliehenen Doktortitel auf derzeit etwa 24.000 per annum verdoppelt.

Als sachlicher Grund für diesen Anstieg sind nicht in erster Linie gestiegene Begehrlichkeiten nach dem Titel, sondern schlicht die in einem ähnlichen Größenverhältnis gestiegenen Studierendenzahlen der letzten drei Jahrzehnte zu nennen.

Wenig verändert hat sich der prozentuale Anteil der Promotionen gegenüber den entsprechenden Diplom-, Magister- und Staatsexamensabschlüssen: Etwa 10 % der Juristen, 17 % der Geisteswissenschaftler, 20 % der Ingenieure, 50 % der Naturwissenschaftler und 65 bis 75 % der Mediziner werden promoviert.

Es ist der Hintergrund solcher Zahlen, der bei den immer häufiger gegen Professoren erhobenen Korruptionsvorwürfen mit zu berücksichtigen ist. Es stellt sich die Frage, ob sich die Empörung eher gegen die Tatsache der Geldannahme (von Kandidaten, die ja wissenschaftlich durchaus kompetent sein können) seitens der Professoren zu richten hat, oder mehr von der Missachtung des wissenschaftlichen Ethos herrühren sollte, insofern potentiell ungeeignete Kandidaten sich über Ghostwriting und Plagiate ungerechtfertigt akademische Titel erschleichen (s. auch unseren Beitrag über Doktorarbeiten und Plagiate).

Und das wiederum wirft die tiefgründigere und heiklere Frage auf, wie es um den wissenschaftlichen Wert der ‚rechtmäßig‘ erworbenen Doktortitel bestellt ist.

Promotionen nur für die Statistik?

Vielfach werden eingereichte Dissertationen von ihren Betreuern gar nicht oder nur oberflächlich gelesen. In vielen Disziplinen – und zwar aller Fakultäten – herrschen Unklarheiten über nachvollziehbare Kriterien für die Beurteilung dessen, was als eigenständige und den Forschungsstand voranbringende Leistung zu gelten habe. Es herrscht eine Gleichgültigkeit des akademischen Betriebs gegenüber der kritischen Frage nach dem wissenschaftlichen Wert und der Notwendigkeit der sich jährlich türmenden Dissertationen.

Viele Hochschullehrer erachten das statistische Quantum, die bloße Zahl der erfolgreich betreuten Promotionen als Richtmaß der Bewertung ihrer eigenen Lehr- und Forschungstätigkeit – und werden in dieser Haltung von der internen Logik des akademischen Betriebs bestärkt.

Dass im Gefolge der jüngsten bildungspolitischen Exzellenzinitiative die Hochschulen Graduiertenplätze und Promotionsstellen einrichten, deren Zahl die Menge der geeigneten Kandidaten übersteigt, fördert ein Klima der Gleichgültigkeit gegenüber Inhalten und Qualität, eine Haltung, die auf Quantität schielt, um nur den Fluss der pekuniären Mittel am Laufen zu halten.

Es ist gerade diese Situation und Stimmung, welche die Korrumpierbarkeit aller Beteiligten begünstigt. Mit dem Wertverlust, der Inflation akademischer Titel und Wissenschaftszertifikate wird das Bewusstsein der Käuflichkeit von geistigen Statussymbolen befördert.

Und Symbole sind, wie alle Zeichen, leicht zu fälschen, umzukodieren und von ihren referentiellen Bezügen zu entfernen.

(Quelle: F.A.Z.: 26.8.2011)

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