Am Anfang ist die leere Seite auf dem Bildschirm. Vielen Studenten fällt es schwer, wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen. Während sie sich nach Abschluss der Arbeit durch ein professionelles Lektorat Hilfe bei der letzten Optimierung holen, gibt es eine derartige professionelle Hilfe, die ganz am Anfang des Schreibprozesses steht, so in Deutschland kaum. In den USA sind solche Schreibzentren, die die Studenten bei der Verfassung ihrer Masterarbeiten, Bachelorarbeiten oder anderen Seminar- und Hausarbeiten professionell unterstützen, schon recht verbreitet.
So gab bei einer Befragung des Bremer Linguisten Peter Krings zu diesem Thema jeder zweite der 269 Befragten an: „Ich tue mich schwer, mit dem eigentlichen Schreiben anzufangen“ und „Ich bin unsicher, wie eng ich mich mit meinem Text an die Quellen anlehnen darf“. Jeder Dritte berichtet von Problemen mit der Materialauswahl und Schwierigkeiten mit dem geforderten wissenschaftlichen Stil.
Aufgrund dieses Befundes hat Krings einen Online-Coach für wissenschaftliches Schreiben entwickelt. Das Portal ist fachübergreifend und enthält über 300 Textmodule mit Tipps zu allen Phasen des Schreibprozesses: Sinnvoll ist eine Einteilung des Schreibprozesses in eine Recherchier-, eine Schreib- und eine Revisionsphase. Am Ende sollten dann Korrektur und Lektorat durch einen Außenstehenden erfolgen.
An 90 Prozent der amerikanischen Universitäten gibt es bereits solche „Writing Center“ oder „Writing Labs“, die zunächst entstanden sind, um schulische Defizite im sprachlichen Bereich auszugleichen, sich nun aber genauso auch höheren Semestern und hier vor allem Examenskandidaten widmen.
In Deutschland wurde 1993 das erste Schreibzentrum als Pionierprojekt in Bielefeld gegründet, das aber auf höchst wackligen finanziellen Beinen steht. Die Nachfrage seitens der Studenten ist aber durchaus groß, vor allem bei denen, die schreiben können müssen, wie z.B. in den textintensiven Fächern Jura oder Sozial- und Geisteswissenschaften.
Auch in Hildesheim gibt es ein Lese- und Schreibzentrum. Ein- bis zweimal im Jahr findet dort die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ statt. Die Psychologiestudentin Julia Bachmann hat an einer solchen teilgenommen und sich die ganze Nacht mit der Freud’schen Psychoanalyse beschäftigt. „Ich habe von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens geschrieben. Zwischendurch gab es eine Nachtwanderung und Yogaübungen.“ In der Gruppe falle ihr das Schreiben leichter, als allein zuhause vor dem Bildschirm zu sitzen. In dem Schreibzentrum habe man ihr geholfen, das Thema einzugrenzen und den roten Faden zu finden.
Hochschulforscher Bloch weist aber noch auf ein anderes Problem bei den Schreibhemmungen und schwierigkeiten von Studenten hin. Der Zeitdruck sei nach Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge doch erheblich größer geworden, und auf Knopfdruck komme eben der Schreibfluss nicht in Gang. Den umgekehrten Fall werden aber auch viele Studenten kennen. Hat man keinerlei Zeitdruck und ist die Deadline zur Abgabe der Examensarbeit noch in weiter Ferne, kommt man gar nicht zum Ende!
(Quelle: F.A.S.: 7. / 8.1.2012)
